Eine Gedicht von Anonym
„Endlich heimisch“
Ich steh barfuß im Wald.
Der Boden: weich.
Nicht schwach.
Weich wie Kraft, die weiß, dass sie nicht härten muss, um zu
tragen.
Moos umschließt meine Zehen
als hätte es gewusst,
dass ich heute zum ersten Mal wirklich
in mir ankomme.
Der Wind streicht mir über die Brust
und trifft auf Narben.
Zwei Linien,
zwei kleine Pfade,
und ich denk mir:
„Waldwege haben auch Narben,
wo früher Dornen wucherten,
und jetzt barfuß gehen möglich ist.“
Ich atme.
Nicht zum Überleben,
sondern zum Spüren.
Und jeder Atemzug ist wie Regen auf trockener Erde
endlich darf ich aufblühen
und nicht nur überleben.
Ich fühl mich nicht mehr
eingesperrt unter Schichten,
unter Haut, die nie wie meine war.
Ich bin nicht mehr ein Baum
mit aufgezwungenem Laub,
sondern Nadelholz.
Gerade gewachsen.
Ein Stamm, der sich nicht mehr entschuldigt.
Der See spiegelt mich,
und zum ersten Mal ist da kein Zerren,
kein innerer Widerspruch,
kein Flüstern von „falsch“.
Nur Stille.
Und in ihr:
Frieden.
Ich leg mich ins Gras,
die Sonne küsst mich auf die Brust
nicht auf ein Schlachtfeld,
sondern auf neue Erde.
Ich bin nicht mehr das Dazwischen,
ich bin das Dazugehörige.
Krähen rufen über mir,
wild und frei,
und ich denk mir:
Ich bin wie sie.
Nicht gezähmt,
aber angekommen.
Nicht still,
aber stimmig.
Meine Hände liegen auf mir
und zum ersten Mal sagen sie nicht:
„Verstecken“,
sondern:
„Willkommen zuhause.“
Ich bin Wald.
Ich bin Wind.
Ich bin Wasser.
Ich bin mein.
Endlich.