Stellungnahme des Referats Trans*: Zum Verbot der Konversionsmaßnahmen und Terre des femmes

Stellungnahme zum „Offenen Brief: Gesetzentwurf zum Schutz vor Behandlungen zur Veränderung oder Unterdrückung der sexuellen Orientierung oder der selbstempfundenen „Geschlechtsidentität” vom 26. April 2020

Als queeres Jugendnetzwerk haben wir uns sehr über das Verbot von Konversionsmaßnahmen gefreut, welches der Gesetzgeber am 07. Mai verabschiedet hat und das nicht nur die sexuelle Orientierung, sondern auch die Geschlechtsidentität von Kindern und Jugendlichen schützt.

Ebenso bestürzt uns der offene Brief vom 26. April, in dem eine Gruppe von selbsternannten Expertinnen aus dem pädagogischen und psychotherapeutischen Bereich sowie die Geschäftsführerin und Co-Geschäftsführerin von Terre des Femmes den Gesetzgeber dazu aufforderten, den Zusatz „Geschlechtsidentität“ aus dem Gesetzentwurf zu streichen.

Wir, als Jugendnetzwerk Lambda betonen, wie wichtig es ist, dass trans* Jugendliche geschützt werden. Trans* Kinder und Jugendliche gehören zu dem vulnerabelsten Teil unserer Community und sind besonders von Diskriminierung und Stigmatisierung betroffen.

Eine Studie belegt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass trans* Jugendliche Suizid begehen, 5.87-mal höher liegt, als bei ihren heterosexuellen Peers (homosexuelle Jugendliche 3,71 erhöht). 1

ILGA (International Gay and Lesbian Association) beklagt in ihrem am 14. Mai veröffentlichten, jährlich erscheinenden Rainbow Index, dass oppositionelle Gruppen in ganz Europa verteilt ein feindliches Klima in Bezug auf die Rechte für trans* Menschen kreieren würden.2 In Großbritannien wurde von der konservativen Gesundheitsministerin Liz Truss ein Gesetzesentwurf vorgelegt, der die Gesundheitsversorgung von trans* Jugendlichen unter 18 einschränken würde. Außerdem sieht der Entwurf vor, dass für trans* Jugendliche das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht entscheidend ist, wenn sie sich in geschlechtergetrennten Räumen aufhalten. Damit würden trans* Jugendliche gezwungen, Umkleiden und Toiletten zu nutzen, welche nicht ihrem gelebten Geschlecht entsprechen.3 In Ungarn ist am 19. Mai ein Gesetz verabschiedet worden, dass trans* und inter* Menschen die Möglichkeit verwehrt, ihren Personenstand, d.h. den Geschlechtseintrag, in offiziellen Dokumenten zu ändern.4

Diese und viele andere Angriffe von reaktionären Kräften sind keine Neuigkeit für trans* Personen. Gerade deswegen ist es umso wichtiger, dass wir geschlossen als LSBTIQ-Community stehen und uns nicht ausspielen lassen, indem wir Gesetze schaffen, welchen einen Teil unserer Community schützen und einen anderen nicht. Trans* Jugendliche verdienen denselben Schutz wie schwule, lesbische, bisexuelle und andere queere Jugendliche. Ebenso sprechen wir uns dafür aus, dass (Cis-)Frauen in Solidarität mit trans* Personen stehen und wir einen Feminismus unterstützen, der intersektional und transinklusiv ist.

Schließlich kann festgehalten werden, dass die WHO (World Health Organization) schon etwas anerkannt hat, was verschiedene reaktionäre Akteur*innen nicht anerkennen wollen: Im neuen ICD-11, dem internationalen Diagnoseklassefikationssystem (International Classification of Diseases), wird die Definition von „Transsexualismus“ als „Störung der Geschlechtsidentität“ gestrichen und der Begriff „Geschlechtsinkongruenz“ aufgenommen.5 Damit ist ein wesentlicher Schritt hin zur Entpathologisierung und Entstigmatisierung von trans* Menschen, Kindern und Jugendlichen geleistet worden. Trans* Kinder und Jugendliche müssen nicht geheilt werden, sondern verdienen rechtlichen Schutz und gesamtgesellschaftliche Unterstützung.

Niklas Gudorf, Hannah Klaubert, Laurenz Kampa, Julius Bittner und Martin Taube

Bundesvorstand

Levi Rupp und Charlie Fischer

Stellvertretend für das Referat Trans*

*Nachtrag: Mittlerweile hat sich Terre des Femmes zu dem offenen Brief an den Bundestag vom 26. April auf eine, aus unserer Perspektive, nur unbefriedigende Art und Weise geäußert (Zur Stellungnahme). Wir, der Vorstand von Lambda Bund, sowie das Trans* Referat von Lambda Bund, würden eine öffentliche Distanzierung und Entschuldigung von Terre des Femmes begrüßen.


1 Krausz et al (2018): Estimating the Risk of Attempted Suicide Among Sexual Minority Youths. Jama Pediatrics. American Medical Association. Abrufbar unter: https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/article-abstract/2704490?widget=personalizedcontent&previousarticle=0 (16. Mai 2020).

2  ILGA (2020): Rainbow Map 2020. Abrufbar unter: https://ilga.org/ilga-europe-rainbow-europe-map-index-2020 (16. Mai 2020).

3 PinkNews (2020): Liz Truss reveals ‘shocking’ plan to remove healthcare for trans youth, slammed as an ‘extraordinary’ attack on equality. Abrufbar unter: https://www.pinknews.co.uk/2020/04/23/liz-truss-trans-rights-gender-recognition-act-reform-healthcare-puberty-blockers-backlash/ (16. Mai 2020).

4 Queer.de (2020): „Zurück ins Mittelalter“: Ungarns Parlament verabschiedet transfeindliches Gesetz. Abrufbar unter: https://www.queer.de/detail.php?article_id=36161 (25. Mai 2020).

5 BPB (2018): Medizinische Einordnung von Trans*Identität. Abrufbar unter: https://www.bpb.de/gesellschaft/gender/geschlechtliche-vielfalt-trans/245353/medizinische-einordnung-von-transidentitaet (16. Mai 2020).

IDAHOBIT 2020

Am 17. Mai ist der Idahobit, der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Trans*feindlichkeit. Anlässlich dieses Aktionstags, der 2020 besonders ausfällt, hat Jugendnetzwerk Lambda eine gemeinsame Social-Media-Kampagne mit der Grünen Jugend gestartet: Wir möchten queere Vorbilder feiern, die mit ihrem Einsatz für die LSBTIQ*-Community Mut machen und durch ihren politischen und sozialen Aktivismus gegen Queerfeindlichkeit gekämpft haben und immer noch kämpfen.

Zum diesjährigen Idahobit stehen gerade junge queere Menschen vor besonderen Herausforderungen: Durch das Schließen von LSBTIQ*-Jugendeinrichtungen, den erschwerten Kontakt zu Wunschfamilien, die die eigene queere Identität respektieren oder aufgrund von abgesagten geschlechtsangleichende Operationen wird der Minoritäts-Stress verstärkt. Positive Sichtbarkeit von queeren Menschen ist also wichtiger denn je!

In unserer Pressemitteilung stellen wir unsere Vorbilder-Feiern-Kampagne vor und gehen auf die Schwierigkeiten ein, die sich für junge Queers in der aktuellen Situation zeigen.

Nicht allein zuhaus? 8 Strategien für junge Queers in LGBTIQ-feindlicher Umgebung

Queers aus aller Welt passen sich der Realität unter Corona an. Immer zuhause zu sein ist richtig anstrengend! Und gerade junge Queers haben oft nicht die Möglichkeit, nach ihren eigenen Vorstellungen zu wohnen und zu leben. Lebst du mit deiner Familie zusammen, die vielleicht deine sexuelle Orientierung oder Identität in Frage stellt? Hast du Mitbewohner*innen, die dich nicht unterstützen oder vor denen du vielleicht gar nicht out bist?

Hier kommen ein paar Tipps, wie du in einer solchen Situation besser klarkommst.

Bleibe online in Kontakt mit queeren Freund*innen und Allies

Wenn du Zugang zu digitaler Kommunikation, Instagram, Online-Foren, Chats usw. hast, dann kannst du dort queere Kontakte pflegen und finden. Wenn du in einer nicht unterstützenden Umgebung feststeckst, dann hast du vielleicht das Gefühl, den Kontakt zur queeren Community und zu deiner Identität zu verlieren. Klar, der Online-Kontakt ist oft kein perfekter Ersatz für eine feste Umarmung von eine*r guten*m Freund*in, aber im Internet kannst du trotzdem von Menschen umgeben sein, die dich unterstützen, und die dich ablenken können und selber gute Tipps parat haben. Hier sind ein paar hilfreiche Links:

Organisationen bzw. Instagram-Accounts, die queere Online-Angebote haben:

Beschäftige dich mit queerer Kultur und Geschichte

Falls du keinen Support von deiner aktuellen Umgebung erhalten kannst, kann es hilfreich sein, Serien und Filme mit queeren Charakteren zu sehen oder mehr über queere Held*innen und ältere Queers zu erfahren. So kannst du eine Verbindung zu einer größeren LSBTIQ*-Community herstellen. Auf unserem Instagram-Profil geben wir regelmäßig Tipps für #queertainment. Auch andere queere Organisationen posten regelmäßig Listen und Tipps, was es sich zu schauen, lesen, hören lohnt.

Konsumiere nicht zu viel Social Media

Denk daran, dass Nachrichtenseiten und Social-Media-Plattformen negative und alarmistische Nachrichten besonders hervorheben. Versuche, ein gesundes Gleichgewicht dafür zu finden, welche News um die Covid-19-Pandemie du konsumierst. Wenn du Social-Media-Plattformen nutzt, um mit Menschen in Kontakt zu treten, und dir dabei auch immer die neuesten Nachrichten in die Timeline gespült werden, versuche, solche Seiten stummzuschalten oder auszusortieren. Ein normaler Anruf ist manchmal auch viel schöner! Benutze Social Media achtsam und suche dir andere Aktivitäten, wenn das Scrollen dich eher traurig macht als dir weiterhilft.

Teile deine Gefühle mit den Menschen, mit denen du in einem Haushalt wohnst

In manchen Situationen kann es Sinn machen, deine Sorgen und Gefühle mit den Menschen in deinem Haushalt zu teilen. Das kann natürlich auch zu Konfrontation führen. Wenn du richtig sauer oder verletzt bist, kann das auszusprechen aber auch gut tun. Oder vielleicht kannst du in einem ruhigen Moment einen sanfteren Ton anzuschlagen. Vielleicht hilft es auch, wenn du den Menschen in deinem Haushalt Informationen zu deiner Situation (Pronomen, Namen, …) zukommen lässt; das kann im direkten Gespräch sein, aber auch per Mail oder WhatsApp.

Teile einen hilfreichen Artikel oder ein Video

Mit Menschen zu reden, die dich nicht so verstehen oder akzeptieren, wie du bist, kann erschöpfend, demoralisierend oder sogar traumatisch sein. Und wenn du nicht mal rausgehen kannst, ist das natürlich noch viel anstrengender. Vielleicht wissen deine Mitbewohner*innen oder Familie von deiner Identität, aber gehen richtig uncool damit um? Wenn du also keine Lust auf Konfrontation hast, kann es eine sinnvolle Alternative sein, einen informativen Artikel oder ein Video zu senden. Du kannst verschiedene Ressourcen zu LGBTIQ-Themen für Angehörige anbieten, denn schließlich haben deine Angehörigen oder Mitbewohner*innen auch gerade mehr Zeit, sich damit auseinander zu setzen.

Hier findest du hilfreiche Ressourcen für Angehörige:

Englisch:

Finde einen Ort nur für dich

Isolation kann unglaublich hart für deine mentale Gesundheit sein – vor allem, wenn du nicht dein authentisches und wunderbares Ich ausleben kannst. Falls es dein Wohnraum irgendwie erlaubt, finde einen sicheren Ort im Haus, an den du dich zurückziehen kannst und an dem du es dir gemütlich machen kannst. Schließ die Tür und nimm dir Zeit, um dich zu erholen.

Benutze symbolische Objekte

Vielleicht hilft es dir, deine Umgebung mit Objekten zu füllen, die dich in deiner Identität bestätigen. Das kann zum Beispiel eine Pride Flagge in deinem Zimmer, ein Foto deiner*s Freund*in in deiner Tasche oder ein Freundschaftsband sein. Damit kannst du an deiner Identität festhalten, selbst wenn du sie nicht nach außen zeigen kannst.

Kontaktiere Organisationen, die Queers unterstützen, wenn du Hilfe brauchst

Unsere Beratungsstelle in&out erreichst du per Mail an help@comingout.de (für Beratung). Unsere Chatberatung findest du bei Beranet.

Der Bundesverband Trans* hat auch einige Tipps speziell zu trans* und Corona zusammengestellt.


Dieser Post beruht unter anderem auf einem Artikel von Wren Sanders und queeren Therapeut*innen und Expert*innen aus dem Trevor Project.

Erwachsen – und dann?

Von Lis Walter

Zwischen modernen Glasbauten, in denen Menschen tagein und tagaus umständliche Dinge in ihren Computer tippen. Inmitten von Clubs und Bars, in denen Menschen schunkeln und tanzen und mittendrin in einer Stadt, die mit Räumen und Menschen gefüllt ist, die sich zu irgendeinem Zeitpunkt sicherlich auch einmal gewünscht haben, endlich erwachsen zu sein.

Da sitze ich. 22 Jahre alt. In einer aus Decken gebauten Höhle, mit einer Kopflampe auf meiner Stirn „Alice im Wunderland“ lesend, stelle ich mir die Frage, wieso denn eigentlich so viele Menschen so schnell erwachsen werden woll(t)en.

Werd du mal erwachsen“, hat mein Opa immer geraunt und damit das Ende einer Diskussion angedeutet. Als wäre nicht erwachsen sein einfach ein (Aus-)Schlussargument. „Wenn du nämlich erwachsen bist, dann …“ – Was dann, was passiert dann? Ja, klar, denke ich mir, ich kann jetzt auch um 2 Uhr nachts ungestört Nudeln kochen, Menschen, ganz einfach ohne Heimlichtuerei mit in mein Bett nehmen oder den ganzen Tag nackt durch meine Wohnung springen, aber wirklich erwachsen fühle ich mich damit auch nicht.

Ganz platt gesagt bedeutet Erwachsen sein ja doch irgendwie nur: Verantwortung übernehmen, Steuern und Rechnungen (selbst!!!) zahlen, Lohnarbeit, Eierlikörpralinen essen und plötzlich mit Sie angesprochen werden. Ganz toll klingt das irgendwie nicht so. Bis auf die Eierlikörpralinen vielleicht. Wie wird mensch nun erwachsen und was soll das alles bringen, frage ich mich und greife dabei in mein Geheimfach und hole eine Packung Eierlikörpralinen heraus. Google hilft: „Wie werde ich erwachsen?“ – 16.000 Treffer: Sei dir deiner Konsequenzen bewusst, übernimm Verantwortung, sei dankbar. Klar, können das auch Eigenschaften sein, die Menschen erwachsen fühlen lassen, aber nach einem vollendeten Rezept klingt das für mich nicht. Vielleicht ist Erwachsen sein auch nicht das, was Familie, Umfeld und Gesellschaft damit verbinden.

Erwachsen sein muss nicht einen Job, Familie und Haus haben bedeuten und nicht erwachsen sein muss nicht gleichbedeutend mit Tollpatschigkeit, Respektlosigkeit und Launenhaftigkeit sein. Langsam blinzeln meine Augen über den Tellerrand mit Kürbissuppe hinaus und sehen, dass das, was die Gesellschaft sagt, für mich/dich/uns/euch gar nicht so stimmen muss. Feste Kategorien können auch ganz schön starr und nervig sein. Mein nicht-erwachsenes Ich zum Beispiel geht manchmal auch ganz gern Problemen aus dem Weg, kichert, wenn Freund*innen über Sex reden, ruft meine Mutter an, wenn ich planlos vor einem Brief vom Finanzamt stehe und verbringt auch gerne mal Zeit in einer Deckenhöhle. Mein erwachsenes Ich kann aber auch Dinge wie Verantwortung für safen Sex übernehmen, für Freund*innen und Partner*innen da sein, Menschen immer mit einer empathischen Grundhaltung begegnen und realisieren, dass das Leben manchmal echt schön sein kann. Und manchmal aber auch ganz schön blöd und hässlich.

Ich glaube, Menschen sind weder erwachsen, mit 18, 22 oder 40 Jahren, noch wenn sie von Zuhause ausziehen, noch mit dem ersten Mal verliebt sein, noch mit dem Verdienen von Geld mittels Lohnarbeit, noch wenn geheiratet wird. Ich glaube, Menschen können erwachsen sein, wenn sie sich erwachsen fühlen. Oder nicht-erwachsen sein, solange sie nicht-erwachsen sein wollen. Vielleicht magst du auch manchmal erwachsen sein, manchmal nicht. Auch voll ok. Letztendlich ist Erwachsensein das, was du damit verbindest – oder eben nicht.

Erwachsen vs. Jung: Party hier, Party da?

Kommentar von Julia Zimmermann

Jugendreisen, Freizeiten, Wochendtrips, Seminare und Workshops: Das Angebot von Lambda und ähnlichen (queeren) Jugendorganisationen ist vielfältig. Teilnehmen können junge Menschen bis 27. Wer älter ist, ist zu alt …

Die Zielgruppe solcher Veranstaltungen und Orte, wo junge Queers miteinander feiern und einander kennenlernen können, wo sich queere Bubbles bilden und die Szene lebt, pulsiert, ist häufig klar definiert: junge queere Menschen bis 27. Das hängt auch mit der gesetzlichen Definition von „junger Mensch“ in Paragraph 7 des Achten Buches des Sozialgesetzbuches (SGB VIII) zusammen. Bis zu diesem Alter stehen also all diese Möglichkeiten offen. Es fällt leicht, sich zugehörig zu fühlen, unter Gleichgesinnten und Gleichalten… Solange man eben noch zu den Jungen gehört. Spätestens, wer die magische Grenze 30 erreicht, scheint raus zu sein.

Für viele ist das ein Alter, ab dem man nun wirklich unwiderruflich zu den Erwachsenen zählt. Aber was ist mit all den anderen Menschen jenseits der 30, die immer noch das gleiche wollen – Teil sein der queeren Szene? Es gibt das Jugendnetzwerk Lambda, aber ein Erwachsenennetzwerk Lambda gibt es nicht.

Das Wort ‚queer‘ wird erst seit den 1990er Jahren als positiver Begriff von der Community wieder verwendet („reclaiming“). Während die Generation der heutigen jungen Queers also ganz selbstverständlich mit diesem Wort als Begriff für die gesamte Szene zusätzlich zu vielfältigen Optionen der Selbstbezeichnung wie lesbisch, pan, trans*, inter*, ace/aro, schwul, bi, … groß geworden ist, fehlt für ältere Menschen ein Überbegriff, unter dem sich alle lsbtiq Personen wiederfinden. Das hängt auch mit der Historie der Bewegungen zusammen: Die Lesbenbewegung hat dafür gekämpft, von der Schwulenbewegung unabhängig zu sein, eigene Treffen nur für Lesben zu veranstalten, sichtbar zu sein und eine eigene Bezeichnung zu haben, nicht nur die „schwulen Frauen“ zu sein.

In der Vergangenheit ging es mehr darum, sich voneinander abzugrenzen, als gemeinsam unter einem Wort vereint zu stehen, zu kämpfen und eben auch sich zu treffen und zu feiern. Hier wird ein Generationenkonflikt der Bewegung und eine Veränderung des Fahrwassers deutlich, was sich auch im Alltagsleben widerspiegelt. Und das ist auch okay, denn nicht alle (jungen) Menschen des lsbtiq-Spektrums müssen sich als queer bezeichnen, sondern es ist wichtig, auch die Sichtbarkeit einzelner ‚Buchstaben‘ zu stärken. Für erwachsene Menschen gibt es daher oft keine allgemeinen queeren Partys, sondern spezifische Angebote für Lesben, Schwule, … ja, tatsächlich meistens vor allem das. Manchmal wird der Begriff auch weiter gefasst: So gibt es beispielsweise in Darmstadt regelmäßig eine sogenannte Frauenparty, die einmal im Monat stattfindet und deren Publikum mindestens als 40+ zu verorten ist.

Häufig haben Veranstaltungen für queere Menschen ab 30 Jahren auch andere Inhalte, eine andere Rahmung und andere Schwerpunkte. Als Beispiele lassen sich die Seminare des Waldschlösschens, viele davon für Schwule, oder auch jährlich wiederkehrende Veranstaltungen wie das Lesbenfrühlingstreffen nennen. Dabei geht es oft jedoch mehr um gezielten thematischen statt persönlichen Austausch. Vernetzung scheint häufig über Vereine stattzufinden, meistens verknüpft mit einem ganz bestimmten „Erwachsenen“- Thema wie „Wohnen im Alter“ oder „Kinderwunsch“. Ein Beispiel für ein themenübergreifenderes Netzwerk ist beispielsweise „Safia – Lesben gestalten ihr Alter“ für Lesben ab 40. Offene, unbeschränkte Räume für queere Menschen, die aus den Jugendnetzwerken als Zielgruppe rausfallen, müssen vielerorts noch geschaffen werden.

Erste Schritte dazu sind Queere Zentren wie in Hannover, die neben Jugendgruppen auch andere altersübergreifende Angebote wie Wanderungen und Gesprächsrunden haben und gezielte Gruppen auch für Menschen jenseits der 30 anbieten. Queere Zentren als Anlaufort für Queers jeden Alters sind gerade stark im Kommen und werden weiter ausgebaut, so setzte sich Ende 2019 die Idee „Queeres Zentrum Mannheim“ bei der Abstimmung des Beteiligungshaushaltes der Stadt durch. Es liegt bei der Generation, die jetzt in ihren 20ern und 30ern ist, ebendie, die das Wort queer kennen und mit einem positiven Gemeinschaftsgefühl, einer Zugehörigkeit zu einer Szene, verbinden, den Begriff auch Menschen, die ihn jetzt erst neu kennenlernen oder sich mit ihm schwertun, näher zu bringen und sie für das Gefühl einer großen queeren Szene durch alle Altersstufen hinweg zu begeistern.

Platzhalter*in Kolumne – Gestern, heute, morgen

Von Hannah

Eine kleine Blume schmückt den linken Handrücken meines Vaters. Als er in den 70ern mit dem „Baby Power Bus“ und seinen Besitzerinnen – einer Gruppe frisch gebackener Mütter – durch Westeuropa gereist war, durfte ein selbstgestochenes Erinnerungstattoo einfach nicht fehlen. Wenn ich jetzt in sein lachfaltenüberzogenes Gesicht und seine in Erinnerung schwelgenden Augen schaue, während er mal wieder von einem seiner skurrilen Erlebnisse erzählt, kommt mir die Hippiezeit gar nicht mehr so fern vor. Nur um mir die langen blonden Haare auf dem Kopf meines Vaters auszumalen, reicht meine Vorstellungskraft dann doch nicht.

Glücklicherweise existiert das ein oder andere Bild, das die Tatsache unanzweifelbar macht: Auch unsere Eltern waren einmal jung.

Der zwanzigjährige Junge, der so gerne Meeresbiologe geworden wäre und jetzt mit Freunden einen Club betreibt, in dem er sonntags seine heißbegehrten Überraschungspfannkuchen anbietet. Das achtzehnjährige Mädchen, das mit ihren Mitbewohnern auf Antifa-Demos geht und furchtbar schmeckende Guarana-Drinks frühstückt, um keinen wichtigen Gig bei Rock am Ring zu verpassen.

Auch wenn ich weiß, was über die Jahre aus ihnen geworden ist, würde ich den beiden heute gerne mal über den Weg laufen, sie zufällig in einer Bar treffen und mit ihnen über Gott und die Welt philosophieren.

Mich interessiert es, wie viel Jugend noch in meinen Eltern steckt, welche Überzeugungen auf der Strecke geblieben sind und inwiefern all das, was ich heute erzählt bekomme, nur das nostalgische Abbild der Vergangenheit ist. Die Antworten darauf werde ich wahrscheinlich nie erfahren. Denn je mehr Zeit vergeht, desto größer wird die Distanz zu den Geschehnissen. Im Hinblick auf meine eigene Zukunft würde ich diese Distanz manchmal gerne überwinden, da ich befürchte, nicht alles von dem nachvollziehen zu können, was ich gerade denke und erfahre.

Andererseits reizt es mich, die Distanz zu meiner jetzigen Situation zu vergrößern, um mir ein klareres, nüchternes Bild zu machen. Doch wie wir alle stecke ich in meinem eigenen Körper, der seinen Platz nun mal in den Gesetzmäßigkeiten der Erde und deren linearen Zeitverlauf hat. Wir sind uns selbst keine fernen Verwandten, die wir einmal im Jahr sehen und sofort erkennen, wenn sie seit unserem letzten Aufeinandertreffen zwei Zentimeter gewachsen sind. Wir bemerken weder, wie wir altern, noch wie sich unser engstes Umfeld wandelt, weil wir jeden Tag Bestandteil davon sind. Wir werden vermutlich niemals aufwachen und plötzlich realisieren, dass wir erwachsen geworden sind. Die Veränderung schleicht sich einfach unbemerkt in unser Leben.

Denn auch wenn wir seit jeher versuchen, die Zeit in Epochen und Zeitalter zu unterteilen, bleibt das Leben ein andauernder, niemals pausierender Prozess. Der Zug, in dem man so oft sinnbildlich gesprochen sitzt, befindet sich ständig auf der Fahrt und beschleunigt manches Mal so sehr, dass die Bilder hinter den Fensterscheiben bis zur Unkenntlichkeit verschwimmen. Wer dabei versucht, auch noch rechts und links einen Blick zu erhaschen, wird enttäuscht.

Wir haben nur zwei Augen, diese eine unsere Perspektive, aus der wir die Welt wahrnehmen können. Mal schaut einer zur einen, der andere zur anderen Seite aus dem Fenster. So werden wie unsere Beobachtungen auch unsere Geschichten nie die gleichen sein. Jede klingt unterschiedlich und entspricht auf individuelle Weise der Wahrheit. Und genau wie mir jetzt die Augen meines Vaters von den Bildern seiner Jugend erzählen, schenke ich ihnen Glauben und hoffe darauf, noch lange nachvollziehen zu können, was mir gerade dabei durch den Kopf geht.


Platzhalter*in

Du hast eine Meinung? Hast dich mal wieder richtig geärgert? Über eine politische Entscheidung oder etwas in deinem persönlichen Umfeld? Oder hast etwas Lustiges, Absurdes, Schönes, Spannendes, Bewegendes, Ärgerliches oder Herzerwärmendes erlebt? Und du willst anderen jungen queeren Menschen davon erzählen? Dann ist Platzhalter*in der Ort dafür!

Platzhalter*in ist die Kolumne in der out!, die deiner Meinung, deinen Gedanken und Gefühlen einen Ort gibt. Wenn du Interesse hast, schreib einfach an outredaktion@lambda-online.de. Platzhalter*in – Deine Stimme. Dein Platz.

Die neue out! ist da!

Die neue out! ist da! Und ganz untypisch für ein Magazin für queere Jugendliche geht es um … das Erwachsensein. Es gibt spannende Artikel zur „zweiten Pubertät“ durch eine Transition im Erwachsenenalter, Interviews mit älteren queeren Menschen, eine Coming-Out-Geschichte und Film- und Buchrezensionen. Wie immer wurde die out! von unseren Ehrenamtlichen inhaltlich gestaltet.

out! Frühling 2020 herunterladen

Du willst die out! direkt zu dir nach Hause bekommen? Wir schicken das Magazin kostenlos und in einem neutralen Umschlag direkt zu dir. Für Jugendzentren, Beratungsstellen usw. liefern wir gerne auch in größeren Mengen! Hier kannst du die out! direkt bestellen: Abonnement der out!

Du kannst auch selber bei der out! mitmachen, Artikel schreiben, Feedback bekommen und an regelmäßigen journalistischen Schulungen teilnehmen. Schreib uns einfach eine Nachricht: Zum Kontaktformular

Wir wünschen euch allen in dieser besonderen und schwierigen, für viele auch anstrengenden und belastenden Zeit viel Spaß mit dieser out! – hoffentlich bringt sie euch ein wenig Abwechslung nach Hause. Bleibt jung, werdet älter, verhaltet euch abwechselnd kindisch und erwachsen – vor allem aber: Bleibt gesund und bleibt zu Hause!

Wir bleiben zu Hause.

Auch Lambda ist natürlich von den Maßnahmen um das Corona-Virus betroffen. Den offiziellen Bestimmungen folgend haben wir unsere Veranstaltungen bis Mitte April abgesagt und werden die sich entwickelnde Situation genau beobachten. Die Bundesgeschäftsstelle bleibt besetzt und ist zu den normalen Geschäftszeiten zu erreichen (siehe Kontakt). Auch unser Beratungsprojekt In&Out (www.comingout.de) ist für Ratsuchende weiterhin verfügbar. 

Aktuell machen wir uns Gedanken darüber, ob und wie wir auch online queere Jugendliche erreichen, vernetzen und schulen können. Außerdem bemühen wir uns, auf unseren Social Media-Kanälen nützliche Informationen zu teilen. Bis dahin: Bleibt gesund und zeigt euch solidarisch!

Coming-Out-Stories: Coming-Out am Esstisch

Lecker, Coming-out!

Ein Coming-out ist ein großer Schritt, meist auch einer der schwierigsten im Leben von queeren Menschen. Es ist nicht leicht, den richtigen Zeitpunkt oder den passenden Platz für ein offenes, vertrautes Gespräch zu finden. Kein Wunder, dass daher viele die Gelegenheit eines gemeinsamen Essens und Beisammenseins nutzen, um sich ihren Liebsten anzuvertrauen. Sei es beim Sonntagsfrühstück mit den Eltern, beim Mittagessen mit Freund*innen, beim Kaffeekranz mit Verwandten oder zum gemeinsamen Abendessen in der Familie, die meist vertraute und entspannte Atmosphäre eignet sich gut für ein solches Gespräch. Diese fünf kurzen Geschichten zeigen, wie unterschiedlich ein Coming-out ablaufen kann. Die einzigen Gemeinsamkeiten: Alle sind gut verlaufen, und alle haben mit Essen zu tun.

Zwischen Tee und Ehrlichkeit

Es war an einem ruhigen Freitagnachmittag, ich war erst eine kurze Weile zuvor aus der Schule gekommen und saß wie so oft mit meiner Mutter am Tisch und trank einen Tee. Ich hatte es nicht wirklich geplant, der Ausgang der Unterhaltung entwickelte sich überraschend spontan. Natürlich hatte ich seit längerer Zeit über ein Coming-out nachgedacht. Die einzige Tatsache, die mich bis dahin immer davon abgehalten hatte, waren die manchmal sehr spitzen Kommentare meiner Mutter zum Thema Bisexualität. Von denen hatte ich schon einige gehört, wenn ich das Thema angeschnitten hatte. Ich fürchtete mich vor ihrer Reaktion, aber im Nachhinein bin ich dankbar für dieses Gespräch. Wir unterhielten uns über die Ereignisse des Tages und kamen dabei auch auf die bevorstehende Hochzeit eines bekannten Pärchens. Zwei Frauen, eine von ihnen war einmal mit einem Mann verheiratet gewesen und bekanntermaßen bi. Natürlich kam wieder ein klassischer Klischeegedanke zum Gespräch. In diesem Moment überkam es mich irgendwie. Ich erklärte ihr, dass nichts Verwerfliches oder Fragwürdiges dabei ist, bi zu sein. Wir verfielen in eine kleine Diskussion, an deren Ende sie erklärte, dass sie es sich einfach nicht vorstellen konnte, Liebe nicht von einem Geschlecht abhängig zu sehen. Ich erzählte ihr, dass ich es hingegen sehr wohl konnte. Sie war überrascht und schwieg eine Weile. Sie fragte mich später, ob ich das Thema deshalb so oft erwähnt hatte, was ich unsicher bestätigte. Danach war das Gespräch für sie beendet. Doch wenig später kam sie wieder auf mich zu und meinte, dass es okay wäre. Sie würde es akzeptieren und mich unterstützen, denn mein Wohlergehen war ihr wichtiger als alles andere. AL

Beste Freund*innen

Bei diesem Coming-out blieb es nicht. Zwar hatte ich meinen Freund*innen schon viel früher von meiner sexuellen Orientierung erzählt, aber mir war mit der Zeit noch etwas anderes bewusst geworden, nämlich dass ich mein Geschlecht anders definierte – genderfluid trifft es am besten. So kam es zu folgender Situation: Nach meinem Schulabschluss traf ich mich häufig mit meinen Freund*innen zum Bummeln oder Essen gehen. Für mich und meine Freund*innen war McDonald‘s zum Stammlokal geworden, einfach weil man dort zur schlecht besuchten Tageszeit immer ein ruhiges Eckchen zum Reden fand. Während wir dort also saßen und uns unterhielten, fasste ich mir ein Herz und lenkte das Gespräch auf das Thema, das mich seit Monaten beschäftigte: Geschlechtsidentität. Ich erzählte ihnen von Ruby Rose, ein Vorbild für mich. Natürlich verstanden sie letztendlich, dass es um etwas persönlicheres ging. Sie fragten, was los sei. Ich gestand ihnen, warum ich dieses Thema angesprochen hatte. Man muss zur Reaktion sagen, dass wir alle uns seit Ewigkeiten kennen und unser kleiner Freund*innenkreis relativ bunt gemischt ist, was Sexualität und Geschlecht anbelangt. Ich fand mich also am Ende in einer großen Umarmung wieder. AL

Kalte Lasagne

Diese kleine Coming-out-Geschichte hat mir eine Freundin erlaubt, zu erzählen. Sie hatte es schon eine ganze Weile geplant, ihren Eltern zu erzählen, dass sie lesbisch ist. Sie nutzte die Chance des gemeinsamen Mittagessens. Noch bevor es ans Essen ging, standen ihr die Tränen in den Augen, weil sie so verunsichert war. Ihre Eltern waren darüber sehr verwundert und fragten, was los sei. Sie holte tief Luft und begann zu erzählen, wie sie erst vor kurzem zum ersten Mal ein Mädchen geküsst hatte und wie lange ihr das schon auf der Seele brannte, dass sie sich in dieser Hinsicht immer vor ihnen versteckte. Ihre Eltern reagierten wie im Bilderbuch positiv und verständnisvoll. Das Gespräch war lang, die Umarmung ebenso, da ist es nicht verwunderlich, dass die Lasagne kalt war. Aber das störte niemanden. AL

Kellergeflüster

Wir saßen mit ein paar Freund*innen und Verwandten am Tisch und wollten einen gemütlichen Abend verbringen. Wir unterhielten uns gut und hatten wie immer viel Spaß. Etwas Alkohol lockerte die Stimmung, wie auch die Zunge von allen. Und obwohl ich gar nicht so viel getrunken hatte, wurde ich überraschend mutig. Als mich meine Tante fragte, ob ich Platten mit belegten Broten als Snack aus dem Keller holen und ihr helfen könnte, willigte ich gern ein. Meine Tante war eine meiner engsten Vertrauten, ich würde sagen, dass ich ihr wohl mehr vertraute als meinen Eltern. Wir gingen gemeinsam in den Keller, sprachen dabei über alles Mögliche. Irgendwie kam mir der Gedanke, dass jetzt oder nie der Moment war, ihr zu erzählen, dass ich schwul war. Wir waren ungestört und niemand würde es hören, dazu fühlte ich mich endlich bereit. Ich hatte mich selbst akzeptieren und lieben lernen müssen, bevor ich ehrlich zu mir und allen anderen sein konnte. Und das war ich nun. Ich tippte ihr auf die Schulter, bevor sie die Treppe wieder nach oben lief. „Ich muss dir was erzählen“, meinte ich ernst. Dann sprudelte es aus mir heraus. Als ich geendet hatte, zog sie die Augenbraue hoch, stellte die Brotplatte zur Seite und begann dann zu lächeln. „Danke, dass du dich mir anvertraut hast. Ich hab dich lieb.“ Sie umarmte mich. Wir verbrachten eine Viertelstunde im Keller, aber es war uns egal, was der Rest im Obergeschoss dachte. Wir hatten uns selten so gut unterhalten. Besser hätte mein Coming-out nicht laufen können.

Ach übrigens, so heiße ich ab jetzt

In meiner Familie, wie wohl auch in vielen anderen, ist das Abendessen der erste, täglich wiederkehrende Moment, in dem alle zusammenkommen. Demnach wird sich dann auch unterhalten, über den vergangenen Tag, anstehende Dinge, aber auch die größten Neuigkeiten. Es wäre also auch für mich naheliegend gewesen, mein Coming-out am Esstisch zu haben. So war es aber tatsächlich nicht, denn geoutet hatte ich mich bereits, und das nicht am Esstisch. Trotzdem habe ich eine kleine Esstisch-Anekdote, die auf gewisse Weise dennoch in diese Kategorie passt. An einem Samstagabend saßen wir gemeinsam zusammen beim typisch schwäbischen „Vesper“, „Brotzeit“, oder wie auch immer man es nennen möchte. Meine Familie wusste, dass ich an jenem Tag zum ersten Mal den Gruppentermin für trans* Jugendliche meiner Psychologin besucht hatte, und so war es nicht überraschend, als ich gefragt wurde, wie es denn so war. Es war super, erzählte ich, denn das war es auch. Alle anderen waren nett, ich habe mich wohl und verstanden gefühlt und es war alles in allem eine wirklich gute Erfahrung. So weit erzählte ich, ohne groß auf Details einzugehen, die meine Familie vielleicht auch nicht alle wissen musste. Doch das eine, ganz bestimmte Detail, das sich ergeben hatte, war dann doch etwas relevanter für die Familienrunde. Ich hatte mich am Vormittag in der Gruppe nämlich relativ spontan für meinen neuen Namen entschieden. Meine Familie hatte von meiner groben Vorauswahl, die schon ein paar Tage feststand, bereits gehört, aber genauer darüber gesprochen hatten wir nie. Der eine Name in der engeren Auswahl war von mir selbst gewählt, und der andere wäre mir von meinen Eltern gegeben worden, hätten sie zu meiner Geburt bereits einen „Jungennamen“ wählen sollen. Beide hatten mir gut gefallen und so hatte ich mich eigentlich noch nicht festgelegt. Doch bei der Vorstellung in der Gruppe wollte ich nicht meinen alten Namen nennen und so hatte ich mich dann spontan, vielleicht auch intuitiv, für den von mir gewählten Namen entschieden. Meiner Familie musste ich diesen Entschluss nun auch noch erzählen. Ich sagte in etwa: „Übrigens, ich habe mich für meinen neuen Namen entschieden – Aaron.“ Ein kurzer Moment verstrich, ehe die Reaktion positiv ausfiel. Wie ich denn auf den Namen gekommen sei, und wie ich mich jetzt letztendlich dafür entschieden hätte, wollten sie noch wissen, dann war die Sache hingenommen und akzeptiert. Alles in allem also eine recht unspektakuläre Geschichte und trotzdem ein ganz entscheidender Moment, fast schon wie ein zweites Coming-out. Denn zumindest für mich hat es sich angefühlt, als hätte ab diesem Moment, mit dem neuen Namen, meine Transition nicht mehr nur in meinem Kopf stattgefunden. Und auf gewisse Weise hat sie ab da auch offiziell angefangen – für mein Umfeld zumindest. Aaron

Dieser Artikel ist zuerst in der Winter-Ausgabe der out! erschienen. Vielen Dank an die Autor*innen: AL, Aaron und weitere!