Ein Essay von Theo
„Aber aber aber — das ist doch gegen die Natur!“
Das – wenn zwei Frauen sich lieben
Das – wenn ein Mann ein Kleid trägt
Das – wenn ein Mensch keinen Sex will
Das – wenn ein Mensch seinen Körper verändert
Das – meine selbstverständliche, angstfreie, hoffnungsvolle, menschliche, kurz, meine natürliche Existenz.
Aber was ist diese „Natur der Welt“?
Menschheit bedeutet den hilflosen Versuch, Ordnung in eine Welt zu bringen, deren fraktale Schönheit uns wahnsinnig macht. Und dabei queren wir immer wieder die Realität, weil wir Grenzen ziehen wollen. Wir schaffen Schachteln und Label, wo keine sind, und bauen uns eine Natur, wie ein Kind, das mit Klemmbausteinen spielt, ein Haus bauen würde. Wir versuchen, die Existenz zu verstehen. Das macht uns zu dem, was wir sind. Und bei der Erschaffung dieser Gedankenkonzepte entwickeln wir uns weiter. Bauen immer höher. Finden immer neue Aspekte, die unsere sicher geglaubte, sicher geträumte Welt zerrütten und unsere Türme stürzen. Aber je länger wir ignorieren, dass unser Bauwerk der Realität Lücken hat, desto tiefer werden wir fallen, und desto länger wird unser Weg zurück. Als Menschheit haben wir viele Methoden, um unseren Bauplan der Welt zu bauen, aber nur eine erkennt an, dass sie in erster Linie sucht, und nicht findet: Die Wissenschaft.
Wissenschaft ist die Suche nach der kleinsten gemeinsamen Wahrheit. Einer Wahrheit, die stetig wächst. Und je mehr wir von dieser Wahrheit verstehen, desto bunter wird das Bild, das wir von der Wirklichkeit zeichnen. Und desto queerer wird unsere Natur.
Die Natur ist queer
Es liegt nicht an mir, die tausenden Beispiele aufzuzählen, in denen die Natur unsere Vorstellungen von Geschlechterrollen, Beziehungen und Zweigeschlechtlichkeit bricht. Aber ich will betonen, dass dem, was wir Geschlecht nennen, eigentlich nicht mehr zugrunde liegt als zwei voneinander abhängige Strategien der Fortpflanzung. Diese Strategien führen zu einer Kaskade von Unterschieden im Aussehen, Stoffwechsel und Verhalten, ja, aber im Gegensatz zur Binärität von tierischen Gameten (Fortpflanzungszellen) sind all diese Unterschiede ein buntes Spektrum. Genauso ist es nicht unbedingt notwendig, dass sich alle Individuen einer Art fortpflanzen, es hat sich sogar häufig evolutionär ergeben, dass dem nicht so ist. Der Imperativ der binären und unveränderlichen Heteronormativität ist kein biologischer, sondern ein gesellschaftlicher.
Aber warum müssen wir uns auf die Natur berufen?
Denn wenn Konservative von „Natur“ reden, meinen sie etwas anderes. Sie meinen „So, wie es immer war“: Ihre Illusion einer konstanten Welt. Aber was konstant bleibt in der Natur, geht zugrunde, und so ist Wandel das Natürlichste der Welt. Herausentwicklung, Weiterentwicklung aus dem, was war, ist der einzige Weg, zu überdauern. Und deshalb ist es eigentlich egal, ob es Queerness schon immer gab, und ob es schon immer so war, wie jetzt. Denn die Natur erzeugt Innovation aus sich selbst heraus, aus all ihren Bestandteilen, und erzeugt dabei eine Komplexität, die sich in ihrer Gesamtheit genauso unserem Verständnis entzieht wie in ihren Details. Das ist das, was wir Evolution nennen. „So, wie es immer war“, gibt es nicht, es gibt nur ein „früher“ und ein „jetzt“, und wenn die Evolution eine Regel hat, dann, dass sie niemals einfach rückwärts läuft.
Als Menschheit entkoppeln wir uns zunehmend von der biologischen Evolution. Aber von der Evolution selbst entkoppeln wir uns nicht. Wir haben die Kultur zu unserer Natur gemacht, wir entwickeln uns in ihr, und damit ist queer sein zugleich natürlich und neu.
Ein neues Bild der Natur
Häufig heißt es, es gäbe eine natürliche Menschlichkeit und eine unnatürliche. Ich frage mich dabei meistens, was unnatürlich sein soll. Denn dieser Begriff tut so, als wäre Natur etwas Wertendes und etwas, aus dem es einen Ausgang gibt. Wie aber soll etwas, das aus der Natur kommt, jemals diesen Status verlieren. Wie kann man gegen etwas sein, das alles umfasst, was wir sind? „Wider die Natur“ heißt doch nichts anderes als „gegen meine Vorstellung davon, wie es schon immer war“, und unabhängig davon, ob das entgegen aller Wahrscheinlichkeit stimmen sollte, ist das eine Aussage, die verneint, wie das Leben funktioniert, wie Menschheit funktioniert,
weil es natürlich ist, uns von dem zu entfernen, was wir waren,
weil es natürlich ist, aus dem zu lernen, woraus wir entstanden,
weil es natürlich ist, in dem zu wachsen, wie wir leben,
weil wir atmen und lieben und lachen, ohne, dass wir es verstehen.
Weil wir alle – natürlich – sind.