Beau Maibaum

Operation Hyakinthos (2018)

Ein Film, von dem ich mir unsicher bin, inwiefern er wirklich im Winter spielt – oder ob ich ihn mir nur auf den kalten, polnischen Straßen der 1980er Jahre vorstelle, denen man aufgrund der andauernden stylisch inszenierten Dunkelheit die Jahreszeit nicht ansieht. Es ist auf jeden Fall eine der Netflix-Produktionen, die ich als criminally underrated einstufen würde. Hauptfigur ist der Mittzwanziger Robert, der seinem Vater in den Polizeidienst gefolgt ist und jetzt die kriminalisierte Schwulenszene von Warschau infiltrieren soll. Doch seine Freundschaft zu dem Studenten Arek wird bald mehr als nur ein Vorwand für Polizeiarbeit, und so entspinnt sich ein Netz aus Mysterium und Emotion auf der realen Basis der Verfolgung queerer Menschen im historischen Polen.

Grand Budapest Hotel (2014)

Für mich die ultimative Winterproduktion – nichts schlägt die langsam verblassende Schönheit des schneebedeckten Grand Budapest Hotels, die eleganten Shots von sorgsam verpackten Süßigkeiten und eine Verfolgungsjagd im Hochgebirge für eine angemessene Portion Wintervibes. Der Concierge Gustave, eine der Hauptfiguren, bringt eine Energie mit, die ich nur als bisexual chaos bezeichnen kann. Fun Fact: Große Teile des Films wurden in Sachsen, spezifisch in Zwickau, Dresden und Görlitz gedreht, und die prunkvolle Lobby des Grand Budapest Hotels ist tatsächlich ein ostdeutsches Kaufhaus.

Women’s Hotel – Daniel M. Lavery (2024)

Daniel M. Lavery ist ein transmännlicher, us-amerikanischer Schriftsteller, der sich in Women’s Hotel und dem Nachfolgeroman Christmas at the Women’s Hotel (2025) mit den Frauenhotels auseinandersetzt, die es bis in die 1970er Jahre in New York gab und welche, wie der Name schon verspricht, Unterkunft für junge, meist prekär lebende alleinstehende Frauen boten. Women’s Hotel ist weder explizit queer noch explizit winterlich, aber es hat einen Platz auf dieser Liste (und in meinem Herzen) für die queere Perspektive seines Autors sowie für die Streifzüge, die die Protagonist*innen auf der Suche nach kostenlosem Essen, Gemeinschaft und Geld durch die eisigen New Yorker Straßen vollziehen.

The Left Hand of Darkness – Ursula K. LeGuin (1969)

Le Guin’s Science Fiction Klassiker spielt auf einem immer mit Eis überzogenen Winterplaneten, durch den die Protagonist*innen in der zweiten Hälfte des Buches eine lange Reise unternehmen, und ich finde es ganz erholsam, das menschliche Wintertraditionen wie Weihnachten und Neujahr in der Alien-Zivilisation keine Rolle spielen. Wodurch sich die Aliens weiter noch von uns unterscheiden, ist ihr System von Geschlecht, durch welches Le Guin meisterhaft Binarität und Nicht-Binarität erforscht.

Misericorde – Volume One – Xeecee (2023)

Misericorde ist weder ein Roman, noch ein Film – es ist ein visual novel, erhältlich beispielsweise auf der Videospielplatform Steam. Seite für illustrierte Seite, Klick für Klick folgen wir der Geschichte von Protagonistin Hedwig, einer englischen Nonne aus dem Jahr 1482, die im abgeschiedenen winterlichen Konvent den Mord ihrer engen Freundin aufklären muss. Dabei erfährt sie in einem spannungsgeladenen Thriller mehr über ihre Mitschwestern und ihr eigenes queeres Begehren, als ihr Anfangs lieb ist. Ich mag Misericorde so sehr nicht nur wegen der unvergleichlichen Atmosphäre des kalten Klosters, sondern auch wegen des Humors der Dialoge und den toll gezeichneten Nebenfiguren.