Kommentar von Theo

Stell dir vor, es ist das Jahr 2016, und die Welt ist in Ordnung. Oder besser das Jahr 2006, in einer Welt ohne Donald Trump, ohne Krim-, Flüchtlings-, Bankenkrise. 2006 war das Leben unbeschwerter. Zumindest für mich. 2006 hatte auch schon Probleme, aber das war mir egal. 2006 war ich ein Jahr alt, und hatte ein Leben vor mir. Und jetzt, 20 Jahre später, frage ich mich, was das für ein Leben sein wird, wenn jede positive Neuheit von einer Entourage an Schreckensmeldungen begleitet wird. Es ist für mich manchmal schwierig, Emotionen gegenüber einer Realität zu verspüren, mit der ich mich eigentlich nicht beschäftigen will. Aber ich glaube, wenn ich Gefühle gegenüber dem ungewissen Zeitraum verspüren würde, der vor mir liegt und der Zukunft genannt wird, dann hätte ich Angst.

Zukunftsangst scheint die dominierende Emotion einer Generation zu sein, die aus der „heilen Welt“ der 2000er Europas in eine niemals endende Reihe von Krisen gestürzt wurde. Sie lässt uns fragen, wofür wir eigentlich noch lernen, studieren, arbeiten, sparen, Kinder kriegen, Häuser bauen sollen. Ein paar flüchten in den Hedonismus des Moments, viel mehr in den Dauerzustand der Depression. Keine der beiden Varianten wird die Welt zu einem besseren Ort machen. Keine der beiden ist nachhaltig, weder für uns, noch für unsere Umwelt. Aber beide sind verständliche Reaktionen eines menschlichen Geistes.

Denn uns wird viel zu viel zugemutet. Die Gewissheit, dass wir mit den Folgen einer Klimakrise, mit immer extremeren Wetterkatastrophen, Ernährungsunsicherheiten und ökologischen Zusammenbrüchen leben werden, die eigentlich unsere Großeltern hätten abwenden sollen. Die Unsicherheit, ob das aktuelle Wirtschafts- und Sozialsystem fähig sein wird, uns die gleichen Sicherheiten von Krankenversicherung und Rente zu geben, die wir gerade älteren Generationen verschaffen. Die Pflicht, die bröckelnde Demokratie vor einem Rechtsruck zu bewahren, dem der Weg durch politische und wirtschaftliche Entscheidungen bereitet wurde, die vor unserer Geburt stattfanden. Und gleichzeitig der Entzug von Eigenverantwortung und Vertrauen.

Während der Fridays-For-Future und Letzte-Generation-Proteste wurden wir belächelt oder als Ärgernis bezeichnet.
Während der Corona-Lockdowns stand unsere mentale Gesundheit, unsere Schulbildung und unsere soziale Entwicklung an letzter Stelle.

Während unserer gesamten Jugend haben wir zuschauen können, wie jeden Tag ein kleiner Teil unserer Welt neu in Flammen aufgeht. Und mittlerweile sind wir an einem Punkt angelangt, an dem Optimismus und Wahnsinn, Hoffnung und Verblendung nur allzu nah beieinander zu liegen scheinen. Was bleibt uns also übrig, als zu verzweifeln?

Wenn wir wütend sind, sind wir zu laut. Wenn wir traurig sind, sind wir zu schwach. Wenn wir hilflos sind, sind wir zu passiv. Wenn wir handeln wollen, sind wir zu vorlaut.
So gesehen gibt es wenig Grund zum Optimismus. Aber es gibt umso mehr Grund zum Mut.

Angst und Mut sind zwei Seiten derselben Medaille. Zwei Möglichkeiten, mit einer scheinbar unbezwingbaren Gefahr umzugehen. In einer perfekten Welt gibt es keine Notwendigkeit, mutig zu sein. Zukunftsmut bedeutet daher nicht, das Chaos zu ignorieren, das auf uns wartet. Es bedeutet, sich der Bedrohung zu stellen, sie anzuerkennen, mit aller Angst, Trauer und Wut die damit einhergeht, und den Willen zu haben, weiterzumachen in ihrem Angesicht.

Zukunftsmut ist keine Realitätsvergessenheit, es ist vielmehr das Gegenteil von ihr. Er ist die verzweifelte, trotzige Weigerung, den Zustand der Welt so zu akzeptieren, wie er ist, und die Zuversicht, dass es wenigstens eine Chance gibt, ihn zum Besseren zu verändern.

Damit wir mutig sein können, brauchen wir Perspektiven. Den Schreckensvisionen der Angst müssen wir eine kleine Utopie entgegenstellen können, für die es sich zu kämpfen lohnt. Mut muss nicht realistisch sein, er muss nicht fröhlich sein, und er ist sicher nicht immer bequem. Aber er ist unsere einzige Alternative zum Zusammenbruch. Denn wenn wir alle in unserer Angst versteinern, ist jede Hoffnung auf Veränderung verloren.

Damit wir mutig sein können, brauchen wir aber auch Gemeinschaft. Mut will gelernt, gepflegt und jeden Tag neu gebildet werden. Und das wird umso leichter, wenn wir nicht alleine sind. Genauso wie Hoffnung ist Mut etwas, das wächst, wenn mensch es teilt. Wenn wir unsere kleinen Momente an Zuversicht teilen, Pläne schmieden und Ängste bekämpfen, dann können wir vielleicht ein bisschen besser in die Zukunft blicken. Die Welt ist nicht in Ordnung, und dem dürfen wir uns stellen. Gemeinsam. Trotzdem. Mit Zukunftsmut.