von Zoe Jasch
Theater gelten als progressive Räume, die Bühne als ein Ort der freien und innovativen Darstellung von Geschichten und Charakteren. Doch anstatt Geschlechternormen zu durchbrechen, werden binäre Konstruktionen von Geschlecht und Heteronormativität an Theatern oftmals einfach übernommen. Vor vier Jahren schlossen sich 185 queere Schauspielende bei der Kampagne #ActOut zusammen, um mehr Sichtbarkeit von Queerness auf der Bühne und im Film zu erreichen. Über die Jahre beteiligten sich immer mehr Menschen und zeigten den großen Bedarf an queerer Schauspielkunst. In den Startlöchern mit dabei war Len Smith. Len sagt über den Zustand des Theaters: „Ich habe immer gelernt: Das Theater ist der Spiegel der Gesellschaft. Ich denke so, I don’t think so. Also die Gesellschaft sieht echt anders aus, als was ihr hier auf die Bühne stellt.“
Wir treffen Len im Südblock. Südblock ist ein Ort, wo sich die queere Community zum Feiern, aber auch zum politischen Austausch versammelt. Direkt am Kottbusser Tor, sozusagen im Herzen des Berliner Stadtteils Kreuzberg. Als wir außerhalb der Öffnungszeiten dort ankommen, sind die bunten Bierbänke noch leer. Von der Decke hängt glitzerndes Lametta. Es raschelt leise, als uns Richard, der den Eventspace vor 15 Jahren mit ins Leben gerufen hat, die Tür öffnet. Richard erzählt von der Entwicklung des Südblocks. Was als schwules Kollektiv startete, öffnete sich schrittweise für immer mehr Menschen, die von der Normgesellschaft diskriminiert werden. Wie wichtig Orte wie der Südblock schon immer waren und gerade jetzt sind, erzählt Len: „Es sind für mich schon sicherere Räume als irgendein x-beliebiger Veranstaltungsort.“
Das deutschsprachige Theater beschreibt Len als „eine sehr, sehr bürgerliche, sehr, sehr elitäre Kunst“. Sowohl auf der Bühne als auch dahinter sei die Dominanz weißer, heterosexueller und cis-normativer Erfahrungen allgegenwärtig. „Ich wurde an der bekanntesten Schule nicht angenommen, weil sie meinten, ich habe zu viel Kraft und das war, glaube ich, massively gegendert. Dieses Thema hat sich meine ganze Studienzeit, meine Karriere hindurchgezogen.“ In der Ausbildung sei Len zu einer normativen Weiblichkeit gedrängt worden. Das wieder wegzumachen, parallel zu der extrem anstrengenden Arbeit am Theater, habe enorm viel Zeit und Energie gekostet.
Als Gründe für die Homogenität des Theaters, auf, hinter und vor der Bühne nennt Len die veralteten Strukturen, aber auch das bewusste Fernhalten bestimmter Communitys und Themen. „Wenn du ein rein weißes Ensemble hast, das irgendwie die ganze Zeit Goethe und Schiller spielt, dann kriegst du halt ein rein weißes Publikum, das tendenziell eher weiße Haare hat. Die Frage ist, wen holt man sich?“ Und es sei eben immer der gleiche Kreis, der diese Entscheidung trifft.
Len studierte an der Universität Mozarteum Schauspielkunst und kehrte später dorthin zurück, um zu unterrichten. „Es könnte wirklich sein, dass ich die erste bekennende queere FLINTA-Person auf dieser Uni war. Und jetzt waren da Menschen im Rollstuhl. Da waren trans Menschen, die in ihrer Transition sind oder auch schon abgeschlossen haben“, erzählt Len weiter. Aber auch, wenn bereits wichtige Impulse zur Veränderung gesetzt wurden, gebe es am Theater noch viel zu wenig Offenheit für eine wirkliche Diversität. Dabei werde es umso spannender, je diverser die Köpfe sind. „Ich weiß gar nicht, ob das mit Zahlen zu belegen ist, aber vom Gefühl her würde ich schon sagen, dass in der Kunstszene viele queere Menschen sind.“ Während den großen, etablierten Theaterhäusern die interessanten und innovativen Themen für ihre Inszenierungen fehlen, mangelt es der freien Szene an finanziellen Ressourcen. Len betont, dass beide Seiten also von einer Zusammenarbeit profitieren könnten.
Beim Unterrichten an der Schauspielschule versucht Len in erster Linie „ein anderes Lesen von Stoffen und andere Stoffe zur Verfügung zu stellen“ und damit den Horizont der Lernenden zu vergrößern. Das Ziel sei es „wirklich frei und neugierig zu spielen“. Es gehe viel darum, die Normen in den Köpfen einzureißen und das, was sich vorgestellt werden kann, das Denkbare zu erweitern. In erster Linie seien aber „die repräsentativen, großen, fetten Kästen“ in der Verantwortung, mehr Sichtbarkeit im Theater zu schaffen: „Die müssten mehr lernen, nicht ihrem Publikum was beibringen. Die müssten echt mutig sein, sich Sachen trauen, ihre Privilegien abgeben.“
Len hat sich mittlerweile vom Theater abgewendet. Vielleicht wäre das anders gewesen, wenn es mehr Platz für komplexe Geschichten und Charaktere außerhalb der binären Geschlechterordnung gegeben hätte. Wenn sich das Theater in dieser Hinsicht verändert, ist viel zu gewinnen.