Queers werden häufig aus der Geschichtsschreibung herausgestrichen. Doch nicht nur haben zahlreiche queere Personen den Lauf der Geschichte mitbestimmt, indem sie in Kunst, Kultur, Naturwissenschaften usw. mitwirkten. Auch ist allein das tag- und alltägliche Queersein ein mutiger und revolutionärer Akt, für den jede queere Person Anerkennung verdient hat. Ein paar der Mutigen wollen wir euch hier vorstellen. Sicher kennt ihr viele mehr. Und, nicht vergessen: Auch ihr selbst seid mutig, einfach weil ihr queer seid in dieser großen, gruseligen, wundersamen Welt.


You don’t do [ugliness] around me. Just don’t try it.
You’re apt to wind up with your ass on the floor.”

So heiße ich: Stormé DeLarverie
So kennt man mich auch: Stormy, die Rosa Parks der US-amerikanischen LGBT*- Gemeinschaft
Das ist mein Beruf: Musikerin, Dragking, Personenschützerin für Mafiosi, Showmasterin
Das bin ich, mutig: Geboren werde ich 1920 in New Orleans als Kind einer Schwarzen Mutter und eines weißen Vaters. Nachdem ich mit 18 meine lesbische Identität entdecke, ziehe ich nach New York, weil ich in den Südstaaten aufgrund meiner Sexualität um mein Leben fürchte. Meine Liebe zu Jazz und meine Veranlagung zum Gesang führen mich auf die Bühne. Als Zeremonienmeisterin für das berühmte Jewel Box Revue performe ich als ikonischer Dragking. Zu meiner Zeit in New York ist es Personen, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde, unter Strafe verboten, weniger als drei Teile „Damenbekleidung“ zu tragen. Trotzdem präsentiere ich mich lieber in androgyner bzw. männlich gelesener Kleidung und werde eine Stilikone und Vorbild für viele Butches. Oft wird mir eine Schlüsselrolle im Beginn der Stonewall Riots in der Nacht des 28. Juni1969 zugewiesen. Mir wird nachgesagt, ich habe den ersten Stein auf die uns bedrohenden Polizisten geworfen. Ob das die Wahrheit ist, ist bis heute nicht klar. Nach Stonewalll patrouilliere ich im Greenwich Village, dem queeren Viertel Brooklyns. Ich verschreibe mich dem Anliegen, dass queeren Menschen keine „Hässlichkeit“ angetan wird, also verbale und körperliche Angriffe. Ich bleibe bis an mein Lebensende in der queeren Szene integriert und bin aus der Geschichtsschreibung der LGBTQ*-Community nicht wegzudenken.
Das mag ich: Aufeinander abgestimmte Knöpfe und Manschetten, Musik, Frauen, meine langjährige Lebensgefährtin Diana
Übrigens: Mein tatsächliches Geburtsdatum kenne ich nicht. Das liegt daran, dass eine interracial Beziehung, wie die meiner Eltern zur Zeit meiner Geburt, illegal war, und es in weiten Teilen Amerikas noch bis in meine Vierziger bleiben würde. Daher hatte ich keine Geburtsurkunde. Meinen Geburtstag feierte ich immer am 24. Dezember, dem Weihnachtstag.


Maskulin? Feminin? Das kommt auf die Situation an.
Neuter ist das einzige Geschlecht, was mir entspricht.“

So heiße ich: Claude Cahun
So kennt man mich auch: Soldat Ohne Namen
Das ist mein Beruf: Fotograf*in, Schriftsteller*in, Widerstandkämpfer*in
Das bin ich, mutig: Geboren werde ich 1894 in Frankreich. In den 1920ern und 1930ern schließe ich mich der Kunstströmung des Surrealismus an. Meinen Namen habe ich selbst gewählt. Anders als bei meinen surrealistischen Kolleg*innen, ist das Ziel meiner Kunst, Geschlecht zu dekonstruieren und mit Geschlechtsauffassungen zu experimentieren, die als statisch gesehen werden. Als einzige Person in surrealistischen Kreisen des damaligen Paris lebe ich meine nicht-binäre Identität offen aus. Ich arbeite mit Kostümen, Posen, Maskerade. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, engagiere ich mich im französischen Widerstand. Während ihrer Besetzung durch die Deutschen organisiere ich mit meiner Lebensgefährtin Suzanne Malherbe auf der Kanalinsel Jersey Widerstandsaktionen. Wir drucken Flugblätter, Fotomontagen und Plakate, die deutsche Soldaten zur Desertion aufrufen und das Nazi-Regime anprangern. Jedoch werden meine Lebensgefährtin und ich von der Gestapo verhaftet und zum Tode verurteilt, nach Kriegsende jedoch begnadigt. Noch heute beeinflussen meine Werke queere künstlerische Ausdrucksformen und gendertheoretische Ansätze und Forschung.
Das mag ich: Verkleidungen, Camp, Haare färben, definitiv keine Nazis
Übrigens: Meine Stiefschwester ist meine lebenslange Lebensgefährtin


Wir Gehörlosen werden nämlich immer gern als Sprachminorität ‚vergessen‘,
wenn es um wichtige Information geht.“

So heiße ich: Gunter Trube
So kennt man mich auch: Eine der besten Barschlampen Berlins, Gunter Puttrich-Reignard
Das ist mein Beruf: Gebärdensprachlehrer, Gebärdencoach für Filme, Moderator, Barkeeper, Schauspieler
Das bin ich, mutig: Geboren werde ich 1960 in Berlin. Von Geburt an bin ich Taub. Mehr noch als heute wurde Gebärdensprache zur damaligen Zeit nicht anerkannt und oft diffamiert. Mein ganzes Leben lang gebe ich mich nicht zufrieden damit, dass die Welt um mich herum vornehmlich auf die Lebensrealität der Hörenden ausgerichtet ist. Ich fordere die Menschen und ihr Verständnis von Normalität heraus, indem ich mein eigenes Ding mache: offensiv, humoristisch und selbstironisch. Ich liebe Kunst – insbesondere Gebärdensprachpoesie, Performance Art und Musik. Jahrelang kämpfe ich dafür, dass DGS (Deutsche Gebärdensprache) offiziell als vollwertige Sprache anerkannt wird, was mir auch gelingt. In den 1970ern publiziere ich die erste Aufklärungsbroschüre für Taube Menschen über HIV/AIDS. Und mit nur 25 gründe ich in Berlin den Verein der „Verkehrten Gehörlosen“ für Menschen, die sowohl taub als auch queer sind. Vielfach werde ich für mein Engagement und meine Kunst geehrt. Neben alldem arbeite ich jahrelang als Barkeeper im „Kumpelnest 3000“ und hinterlasse einen bleibenden Eindruck bei allen, deren Bekanntschaft ich mache.
Das mag ich: Musik, Drag, lange Nächte im „Kumpelnest 3000“, meinen Ehemann Tobias Trube – die Liebe meines Lebens
Übrigens: Karl Lagerfeld lichtete mich als Dragqueen im „Kumpelnest 3000“ ab.