Essay von Willow
CN: Beschreibung von psychischen Krisenzuständen
Eine Abschiedsszene, wie ich sie, so oder so ähnlich, vor kurzem erlebt habe: Ich überreiche eine Karte und Linoldrucke. Ich möchte mich bei einer Therapeutin bedanken, die mich viele Wochen begleitet hat. Sie freut sich und ich freue mich, dass sie sich freut. Sie sagt, sie würde mir auch gerne etwas mitgeben, habe aber nichts vorbereitet. Sie schaut die Linoldrucke an, hält den mit dem Reh hoch und sagt, „Ich möchte Ihnen Zuversicht mitgeben.“
So lange wusste ich nicht, was das bedeutet. Ich hätte mir bestimmt eine Definition herleiten können, so etwa wie:
Zu·ver·sicht
/ˈt͜suːfɛɐ̯zɪçt,Zúversicht/
Substantiv, feminin [die]
festes Vertrauen (auf etwas zu erwartendes Gutes).
Aber als Gefühl habe ich es erst neu kennengelernt. Mein Alltagsleben war seit letztem Jahr pausiert, ich insgesamt 27 Wochen lang nur in Therapien und irgendwo dazwischen hat
dieses neue Gefühl angefangen zu wachsen. Ich kann kaum sagen, wie das passiert ist, aber es ist, als seien mir Wurzeln an Stellen gewachsen, die ich zuvor bloß aus Geschichten kannte.
Ich hatte diese Auszeit dringend nötig. Zu gut kannte ich Momente, die sich nach allem außer Zuversicht angefühlt haben. Ein Gefühl, dass alles in mir wackelig wird, ich in mir verschwimme und keinen Boden unter den Füßen fühle. Eine Dauerangst, die mal größer und mal kleiner ist. Das ständige Gefühl, ich könnte mich auflösen; es würde eine Katastrophe passieren, obwohl ich nie sagen kann, wie diese dann aussieht.
Ich sage, ich kannte, aber eigentlich komme ich grade wieder aus den Fluten. Ich wollte davon erzählen, wie es ist, ein Geschenk zu bekommen. Wie es sich anfühlen kann, zum ersten Mal eine Idee von einem Danach zu haben, was gut zu mir ist. Es fühlen zu können, dass wirklich alles gut wird. Ich wollte erzählen, dass ich meine Wurzellosigkeit erkannt habe, als mir plötzlich doch noch welche wuchsen. Ich wollte all das erzählen und dann ist der Alltag passiert, ist Veränderung, Verlust passiert und ich wäre fast schon wieder in mir ertrunken.
Ich wollte einen Text schreiben über Mut und über Zuversicht, über Momente, die tragen, auch lange nachdem sie vorbei sind. Ich wollte eine Einladung an die Mutlosen aussprechen, weil ich Angst selbst so gut kenne und erzählen wollte, wie es sein kann, damit nicht mehr alleine zu sein. Beim Schreiben bin ich in Krisen und Sprachlosigkeit gerutscht und musste meinen Mut erst wieder neu aufsammeln.
Aber ich hatte auch eine Idee. Ich habe meine Schreibgruppe eingeladen, zusammen über Zukunftsmut zu schreiben. Wir haben unsere Inspirationen geteilt, Musik gehört, geschrieben, geweint und uns umarmt. Eins von uns hatte eine Krone aus Papier dabei und hat sie Mutkrone getauft. Dann haben wir gebastelt und alle die Kronen aufgezogen. Ich habe mich, trotz allem, klein und ganz wacklig gefühlt, davon erzählt und war nicht allein damit. Wir haben uns Mut und Zuversicht zugesprochen und sind vielleicht alle mit einem wärmeren Gefühl nach Hause gegangen. Ich konnte danach wieder schreiben.
Zum Weitermachen brauche ich so viel Mut. Manchmal kostet es Mut, mich ins Bett zu bringen und zu wissen, dass morgen ein neuer Tag kommt. Manchmal kostet es Mut, mich sehen zu lassen, obwohl in mir alles wacklig ist. Manchmal kostet es Mut, meine und eure Tränen auszuhalten. Manchmal kostet es Mut, still an Lebendigkeit zu glauben, obwohl sich alles nach Überlebenmüssen anfühlt. Manchmal kostet es Mut, beim fünften Psychotherapieerstgespräch erneut geduldig meine Lebens- und Leidensgeschichte zu erzählen, nur um danach nicht einmal auf einer Warteliste zu landen. Manchmal kostet es Mut, trotzdem zu boykottieren und zu demonstrieren. Manchmal kostet es Mut, mir vom Weltschmerz nicht die Freude nehmen zu lassen. Manchmal kostet es Mut, mich allein daheim weiter auszuhalten und zu tanzen, weil in mir alles zu verschwimmen droht.
Ich will protestieren und sagen, dass ich gar nicht mutig sein wollte. Ich musste das machen, ich hätte es sonst nicht überstanden. Ich wollte nicht so sehr kämpfen müssen, um gesehen zu werden. Ich habe es trotzdem gemacht und das war mutig. Es gibt es auch Momente, in denen ich mir die Mutkrone selbst aufsetze und sage, „Ich mach das jetzt!“ Dann fühlt sich Mut sicher und glänzend an. Und so ist es: Mut fühlt sich eben nicht immer gleich an.
Doch immer wieder suche ich danach in den gleichen Formen und Farben. Ich suche und verzweifle am Fundlosbleiben und übersehe dabei neue Worte und Phrasen, Orte und Phasen, Gesichter und Herzen, die warm sind. Ich konnte schauen und schauen und trotzdem nur übersehen, was mich umgibt. Ich brauchte einen anderen, für den Moment vielleicht mutigeren Blick. Ihr leiht mir eure Augen und zeigt mir, wie ich sehen kann. Ihr leiht mir eure Wärme und zeigt mir, wie ich fühlen kann. Ich gieße meine zarten Blätter, strecke die Wurzeln nach euch aus und setz mich in die Sonne, damit ich wachsen kann.
Jetzt denke ich an den schönen Abschied und schaue überall nach Rehen. Und falls nichts hilft, dann ist da immer die Erinnerung daran, dass ich noch in mir nachwachsen kann. Und vielleicht ist es wirklich so: Alles Gute, was man erlebt hat, kann man nicht verlieren, man kann es bloß aus dem Blick verlieren.
Heute habe ich mein Orakel befragt, was ich brauche, um diesen Text weiterzuschreiben. Die Karten sagten: Körper, verwundetes Kind, Freund*innenschaft. Und es stimmt, ich kann mich nicht selbst schreiben. Ich muss mich schreiben lassen, sehen lassen in meiner ganzen Wackligkeit. Und merken, dass da trotzdem jemand bleibt. Ich brauche euch, die Mutkronen, ein Uns. Ich brauche meinen Körper, der auch das verwundete Kind in sich trägt, was mutig Grenzen zeichnen lernt und was Sprachmagie nutzt, um sich ein Zuhause zu finden. Ich brauche mich und uns und die Sonne und Kompost, der meine kleine Pflanze Zuversicht zum Wachsen bringt.
DIY: eine Mutkrone basteln (geht alleine, zu zweit oder zu vielen)
Du brauchst: 2 Blätter A4-Tonpapier, Schere, Klebeband und Deko deiner Wahl.
- Klebe die Blätter mit den kurzen Seiten aneinander
- Lege sie um deinen Kopf, um den Umfang abzumessen und klebe sie dort zusammen
- Schneide oben Zacken hinein und kürze die Krone, falls nötig
- Dekorier deine Krone nach Belieben
- Erfreu dich an deiner Mutkrone, zieh sie an, wenn du dich mutlos fühlst und nutz sie als Erinnerung, dass du damit nicht alleine bist. <3