Essay von Willow

In den letzten Jahren und Monaten ist ein Begriff immer wieder durch meinen Feed in den sozialen Medien gespült worden: Whimsycore. Für mich und eine große Internetcommunity ist diese Ästhetik ein kleiner Raum für Alltagseskapismus geworden. Vielleicht eine Ästhetik, vielleicht auf eine magisch-anmutende Weise insgeheim ein Lebensgefühl. Gewiss die Sehnsucht nach einem Gefühl von Geborgenheit und Leichtigkeit.

zauber in pastell, stürmisch-sanfte muster, flügel wie von fee oder schmetterling. die vögel zwitschern und irgendwo dazwischen klirren kleine löffel in porzellantassen. im fensterglas glitzert die sonne, es ist ein zärtlich-warmer tag. vielleicht tropfen auch regentropfen auf das dach, vielleicht schaut der mond durch den vorhang hinein. die hasen laufen über das feld, irgendwo in der ferne springt ein reh umher. die haare sind in zöpfe geflochten, die haut glitzert, es weht weicher stoff und irgendwo spielt musik.

In einer gewissen Weise darf man so mancher Auslegung von Whimsycore auch eine anti-kapitalistische Haltung unterstellen. So geht es nicht darum, bestimmte Produkte zu besitzen, die ein Lebensgefühl vermitteln sollen. Whimsycore ist DIY, besteht vielleicht eher daraus, Magie aus dem Bestehenden zu ziehen. Auch eine gewisse Portion Achtsamkeit, bewusste Verlangsamung des Alltagslebens, ist Teil dieses Gefühls. Und dennoch gehört auch dazu, privilegiert zu sein, sich diese Achtsamkeit erlauben zu können und einen Blick auf die schönen Dinge des Lebens zu werfen. Denn das ist schlicht nicht möglich, wenn mensch mit dem Überleben beschäftigt ist.

they say don’t lose your whimsy but i am so tired. so tired of existing in this body and in this world that doesn’t care. my heart is an open wound and my hands in fists, numb but tight from all this anger i carry within.

Ich versuche mich einzuleben in eine Sanftheit, versuche mir dort ein Zuhause zu schaffen. Auf dem Weg verheddere ich mich in Scham- und Schuldgefühlen. Ich frage mich, ob mir diese Leichtigkeit erlaubt ist, wenn da draußen so viel Leid entsteht. Vielleicht wäre meine Zeit besser genutzt, wenn ich sie nutze, um nach Wegen für Veränderung zu suchen? Und dennoch, wie nachvollziehbar, dass dabei irgendwann die Kraft ausgeht. Vielleicht muss es auch keine Entscheidung sein, vielleicht darf dieser Zufluchtsort eine Ressource sein.

vielleicht also doch: dann male ich bunte farben auf leinwände und beklebe sie mit glitzersteinen. höre ‚aesthetic‘ playlists zum schreiben und zum lernen, mache eine kerze an, schaue aus dem fenster den vögeln auf den hausdächern zu, mache spaziergänge, bei denen ich die hasen zähle und katzen streichel und stell mir zum einschlafen meinen ganz eigenen kleinen garten vor.

Aus einer Verschmelzung zweier Ästhetiken und vielleicht sogar Selbstverständnissen hat sich Whimsigoth entwickelt. Die düsterere Schwester der sanft-zarten Ästhetik Whimsycore, die die typischen Elemente des Goth-Seins miteinschließt. Eine Szenerie zwischen Goth-Musik, gotischer Architektur, Kleidung in schwarz und lila und mit Mondsymbolik. Ein Trend, der seine Ursprünge in den 90er Jahren hat und besonders durch TikTok aktuell wieder auflebt.

Was mir in den letzten Monaten auch deutlicher aufgefallen ist, war eine Gleichzeitigkeit, wie sie auch auf einer anderen Ebene Whimsigoth innewohnt. Der Blick für das leichte Schöne, aber auch die Dunkelheit. Nicht mehr nur ein Sog in eine realitätsfernes Wolkenschloss, ganz im Stil von ‚delulu is the solulu‘. Was mir immer öfter begegnet, ist der Aufruf, diese Ambivalenz zwischen Whimsy und politischer Wut zu leben, zu umarmen. Denn es ist klar, dass es nicht ausreicht, wenn sich die Privilegierten in ihre friedlich-zarte Traumwelt zurückziehen. Wir alle werden gebraucht, um in der Welt für soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Wir müssen auch unsere Wut über die Systeme zulassen, die so viel Leid erzeugen und nach realen Wegen zu suchen, diese langfristig zu verändern. An anderer Stelle dürfen wir aber auch unser Träumen als Ressource nutzen. Wie sonst wollen wir wissen, wofür es sich noch lohnt zu kämpfen?

So, please don’t lose your whimsy, but please don’t lose your political rage, either.

mein schwarzer drache mit dem glitzer auf der haut wartet schon auf mich. ich ziehe stiefel an zum rock, mein silbernes schwert fest umschlossen. in mir brennt eine feurige wut, die keine ohnmacht mehr kennen will. wir sind bereit zu kämpfen, zu verteidigen, was es zu schützen gilt. ich sitze aufrecht und mutig, weil ich weiß, wofür es sich lohnt und weiß, dass ich diese kämpfe nicht mehr alleine machen muss.